Du trägst ein Palituch...

 

...wo hast Du es gekauft? Es ist der Renner der Saison, man bekommt es bei Ebay in allen Farben und Variationen, z.B. mit Totenkopfmuster ab 1,99. Im beliebten Klamottenladen Miss Hippie in der Feinkost kriegt man es für nur 3 € mehr. Bei punkshop.com, wo sich diejenigen eindecken können, die eher außerhalb wohnen, kostet es 6,99 zzgl. Versand. Im Resistore Vertrieb, hier kauft nur der rechte Volksgenosse ein, ist es etwas teurer und kostet 8€. Auch mit Streetwear ist es neuerdings modisch vereinbar: der frontline store im Internet bietet es für  24,95€ an  Offensichtlich verleiht es der Trägerin/dem Träger auch auf einer höheren Ebene den modernen Großstadt-Chic: 100% aus Kashmir, kostet es beim Designerlabel Lala Berlin 300€.

Das Palituch ist wieder in. Es ist hip, irgendwie New-Wave und Emo-mäßig, besonders chic macht es sich an Menschen mit engen Hosen und bunten T-Shirts, es gibt dem Disco-Outfit den kontrastierenden Ethno-Touch. Längst hat es den Geruch von geräuchertem Tofu und Hund verloren. Man trägt es zu Ausstellungseröffnungen, in der Cocktailbar, bei der Sendung Popstars auf Pro7, an der Uni. Vor einem/r PalituchträgerIn hat keiner mehr Angst, längst ist es aus dem muffigen Klischee ausgebrochen, dass es Jahrzehnte lang den deutschen Linken verliehen hat.

Aber war da nicht noch was? Ach ja, es waren nicht nur die Linken, die es demonstrativ trugen. Sondern auch die Rechten. Manche Soziologen redeten davon, dass die Rechten sich damit linke Symbolik aneignen und entwerten wollten. Clever gedacht, aber so clever waren sie in Wirklichkeit nicht. Tatsächlich trugen die einen wie die anderen es aus dem Selben Grund: Solidarität mit dem palästinensischen Volk!  

Das kann man der Fünfzehnjährigen, die ihre fast bauchfreie Fellkragenjacke und die enge paillettenbesetzte Jeans damit kombiniert, vermutlich nicht vorwerfen. Sie hat einfach keine Ahnung und nimmt den Trend, wie er kommt. Wie es bei dem doppelt so alten Düsseldorfer, der nicht mehr bei H&M einkauft, sondern nur noch in Designerboutiquen, aussieht, weiß man nicht. Er sollte es wissen. Tut er aber nicht. Oder empfindet er doch Solidarität mit dem palästinensischen Volk?

Eher nicht, das wäre etwas überraschend. Wen interessieren sie schon, diese Menschen, die da seit Jahrzehnten im Nahen Osten dadurch auffallen, dass sie sich in regelmäßigen Abständen in vollbesetzten Bussen, in Discos und Warteschlangen in die Luft sprengen und damit möglichst viele mit in den Tod nehmen? Die Menschen, deren Regierungen die Ehefrauen nach Paris zum Shopping schicken und lieber ihre Terrororganisationen mit Waffen eindecken, als für Infrastruktur zu sorgen? Die Menschen, die sich anstatt Gesundheit und einer sicheren Zukunft für ihre Kinder den Märtyrertod wünschen – haben die etwas zu tun mit dem Palituchträger, der Palituchträgerin der Saison 2007?

Grundlage der „Solidarität mit den Palästinensern“ ist die Unterstellung, alle PalästinenserInnen würden das Selbe wollen. Das transportiert eine Form von Rassismus und ist blind für emanzipatorische, friedliche Gruppen oder nur diejenigen, die einfach nicht die Mainstream-Ideologie vertreten. Ausgeblendet wird hierbei zum Beispiel, dass während der Intifada mehr PalästinenserInnen von ihren eigenen Leuten als von israelischen SoldatInnen getötet wurden – weil man ihnen, waren sie z.B. homosexuell, regierungskritisch oder gegen Gewalt den Verrat und die Kollaboration mit Israel vorwarf.

Das schienen die deutschen Linken nicht gewusst oder aber verdrängt zu haben, als sie „Solidarität mit den Palästinensern“ einforderten, mit dem nationalistischen „Befreiungskampf“, also am Ende: Solidarität mit einer korrupten Regierung, die gegen Demokratie und Freiheit genauso vorging, wie gegen Israel. Oder war das etwa gar nicht so wichtig? Man musste nicht so genau hinsehen, warum es den PalästinenserInnen so schlecht ging, und die Ideologie dieser Leute wollte auch keiner so richtig überprüfen. Man hatte ja, und das bedeutete Solidarität – einen gemeinsamen Feind: Israel und den US-Imperialismus.

Es gibt noch eine Gruppe, die demonstrativ das Palituch trägt, und die es nicht interessiert, dass Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten oft die letzte Rettung für schwule Araber, muslimische Frauen, die sich der Zwangsheirat widersetzten, Journalisten, die zuviel Kritik an Korruption und Diktatur geäußert haben und anderen Gruppen ist. Nicht zu vergessen: für jeden Juden und jede Jüdin, die auf aller Welt vom Antisemitismus immer wieder bedroht werden. Das sind die Nazis. Warum sie das nicht interessiert, ist klar. Sie hassen ja selber Homos, Juden, Andersdenkende, Farbige, Kritiker und sähen sie am liebsten vernichtet.

Du, als relativ junge/r, modebewusste/r Studierende/r, die/der gut aussehen und Spaß am Leben haben will, musst dir nicht jeden Samstag Abend Gedanken machen, ob du lebend aus der Disco wieder raus kommst. Würdest du in Tel Aviv wohnen, müsstest du es schon. Du fragst dich nicht jedes Mal, wenn du in den Bus steigst, ob der nervöse Typ neben dir einen Sprengstoffgürtel trägt. Genauso wenig musst du dir von deiner Familie vorschreiben lassen, dass Religion und Märtyrerkult, dass der Djihad Inhalt deines Lebens sein soll. Und, ganz am Rande, du arbeitest auch nicht den ganzen Tag in sengender Hitze in der Wüste, wo das Tuch dir wirklich hilfreich sein kann. Und wenn du kein Nazi bist, dann hast du wahrscheinlich einfach keine Ahnung, was du da trägst.

Das Palituch in Deutschland ist kein Modelappen, es hat eine politische Bedeutung. Es gibt keinen Grund, sich damit cool, chic oder punkig zu fühlen. Gerade in Zeiten der Umstrukturierung der Hochschullandschaft, wo es wichtiger ist, markttaugliche Studierende zu produzieren, als Bildung zu ermöglichen, sollte man darum kämpfen, dass die Uni ein Ort der Kritik und der Emanzipation bleibt/wird. 

Das Palituch hat damit nichts zu tun. Es ist nicht Zeichen für die Unterstützung von Unterdrückten. Es ist das Gegenteil: ein Zeichen von Unterdrückung und Nationalismus, getarnt hinter einer antikapitalistischen Revolte, die schon immer mörderisch war.